Japan – Land zwischen Tradition und Zukunft
Wer eine Reise unternimmt, erweitert seinen Horizont und kehrt mit vielen neuen Eindrücken zurück. Vielleicht hat gerade deshalb Swissmem im Rahmen des Young People Programm (YPP), das sich mit der japanischen Bildungs- und Arbeitswelt auseinandersetzt, zwei Studenten des Studiengangs Elektro- und Informationstechnik zu einer zweiwöchigen Reise ins Land der aufgehenden Sonne eingeladen.
von Tobias Fritschi
![]() | Tobias Fritschi hat 2020 seine Berufslehre als Elektroniker EFZ abgeschlossen und studiert seit 2022 Elektro- und Informationstechnik an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er spezialisiert sich nun auf Embedded Systems Design und arbeitet neben dem Studium als Elektronikentwickler bei Leica Geosystems AG in Unterentfelden. |
Japan ist hochmodern und gleichzeitig in der Tradition verwurzelt. Das zeigt sich überall, ob im Städtebau oder bei der Mobilität, ob in der Ausbildung oder bei der Rekrutierung von neuen Angestellten. Die japanische Industrie ist ambitioniert und produziert auf dem höchsten Stand der Technik, zugleich sind Arbeitswelt und das Alltagsleben traditionell und national ausgerichtet.
Technikausstellung auf höchstem Niveau
Dieser Mix zwischen modernster Technologie und historischer Verankerung zeigte sich auch an der Technik-Messe JIMTOF 2024. So wurden die allerneuesten Produkte im Kontext ihrer Entwicklungsgeschichte und mit Referenz zu ihren Vorversionen vorgeführt. Abbildung 1 zeigt den Messestand von United Grinding, einem Schweizer Hersteller von Werkzeugmaschinen. Im Vordergrund sind die neuesten Maschinen zu sehen, während ältere Modelle die Entwicklungsschritte unterstreichen. Wir Westeuropäer staunten darüber. Aber es machte auch deutlich, welche Fortschritte erreicht worden sind.

Ebenso beeindruckt waren wir von der Gastfreundschaft und der Höflichkeit der Japaner. An einem Stand wurden sogar Kunden weggeschickt, als uns Mitarbeitende wiedererkannten. Wir hatten ihr Unternehmen zuvor besucht. Schade war allerdings, dass wir uns nicht unterhalten konnten, wenn kein Englisch sprechendes Personal vor Ort war. Oft fehlten auch englische Broschüren, die uns hätten weiterhelfen können.
Unterschiedliche Ausbildungssysteme
Die starke Selbstbezogenheit japanischer Institutionen konnten wir auch an den beiden besuchten Universitäten beobachten: KEIO University in Tokyo und die Kyoto University (siehe Abb. 2). Beide Universitäten sind darauf ausgerichtet, akademisch hochqualifizierte Absolventinnen und Absolventen auszubilden. In Japan absolvieren rund 83 % der jungen Erwachsenen einen tertiären Bildungsgang, wovon rund 55 % mit einem Bachelor abschliessen (Link siehe unten), was einen wesentlichen Unterschied zur Schweiz darstellt.

So präsentierte die Kyoto University stolz ihre aktuellen innovativen Projekte in einer modernen Campusumgebung und unterstrich damit ihren Forschungsschwerpunkt. Die KEIO University wiederum ist an mehreren internationalen Kooperationen beteiligt, insbesondere mit europäischen Institutionen, was sich in einer grösseren Zahl internationaler Studierender niederschlägt. Leider scheint es noch keine Kollaboration mit einer Schweizer Universität zu geben. Erstaunt waren wir auch, dass die Nachwuchsförderung vor allem in ausserschulischen Clubs stattfindet. Dort können Studierende an anspruchsvollen Forschungsprogrammen teilnehmen, die oft mit Anforderungen ihres Studiums verknüpft sind.
Die Rolle der japanischen Firmen
Viele japanische Studierende verfügen über ein hohes Mass an theoretischem Wissen, treten aber mit wenig praktischer Erfahrung in den Arbeitsmarkt ein. Daher kommt den japanischen Firmen eine entscheidende Rolle zu. Denn erst in den Unternehmen lernen die Absolventinnen und Absolventen on the job, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Natürlich gibt es auch in Japan Unternehmenspartnerschaften, bei denen die Firmen Geräte für Ausbildungs- und Forschungszwecke zur Verfügung stellen. Verglichen mit dem umfassenden Berufsbildungssystem in der Schweiz scheint diese Zusammenarbeit jedoch begrenzt. Schweizer Studierende, insbesondere an den Fachhochschulen, sammeln häufig direkte praktische Erfahrungen, indem sie eine Lehre absolvieren oder die Abschlussarbeit bei einem Industriepartner machen. Dadurch sind sie nach Abschluss ihres Studiums für den Arbeitsmarkt gerüstet.
Unter den vielen Firmenbesuchen hat uns die Firma FANUC besonders begeistert. FANUC ist der grösste Hersteller von Robotern. Rund 750’000 davon sind weltweit in unterschiedlichsten Produktionshallen im Einsatz. Allein die Grösse ihrer autonomen Fertigungslinie, in der Roboter von Robotern gefertigt werden, ist überwältigend (siehe Abb. 3 bis 6). Zudem waren in der riesigen Fertigungshalle, die mehrere Fussballfelder umfasst, nur wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Überwachung anwesend. Dies alles bot einen faszinierenden Blick in die Zukunft der Automatisierung.
Abbildungen 3 bis 6: Roboter-Produktion bei FANUC: Roboter fertigen Roboter, überwacht von wenig Personal, Bilder: FANUC.
Kulturelle und kulinarische Highlights
Die Städte waren ein Erlebnis für sich: Als wir in Osaka (siehe Titelbild) ankamen und auf der dritten Etage einer Autobahn (Abb. 7) durch die Stadt fuhren, waren wir sprachlos vor Staunen.

Auch Tokyo und Nagoya waren laut, energiegeladen und voller Leben, während Kyoto eine ruhigere, fast meditative Atmosphäre bot, sobald man sich ein wenig von der Hauptstrasse entfernte. Kaum eine andere Stadt hat so viele Tempel (siehe Abb. 8: der goldene Tempel) und Schreine. Für uns, die wir aus einem ländlichen Teil der Schweiz kommen, war die schiere Grösse und Dichte dieser Städte überwältigend, aber auch faszinierend. Ein besonderes Highlight war die Übernachtung in einem traditionellen Hotel, Ryokan genannt, wo wir auf Futons schliefen und ein japanisches Frühstück mit Misosuppe und Fisch serviert bekamen – eine einmalige Erfahrung.
Abbildungen 8 bis 11: Tradition und Moderne begleiten einen auf Schritt und Tritt: modernste Architektur und pulsierender Verkehr wechseln mit Tempeloasen (wie der Goldene Tempel in Kyoto) oder gelebter Spiritualität ab, wovon die Wünsche-Tafeln in einem Schrein zeugen.
Doch nicht nur die Skylines und die technischen Innovationen werden uns in bester Erinnerung bleiben. Auch kulinarisch hat Japan einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Unglaublich, welche Köstlichkeiten uns serviert wurden: Sushi, Miso- oder Ramen-Suppen, zarte Fleischgerichte, fangfrischer Fisch und undefinierbares Gemüse, Reis oder Udon-Nudeln und natürlich Mochi, ihr Dessert.
Nach der Reise und den vielen positiven Eindrücken ist es durchaus vorstellbar, in Japan zu arbeiten und zu leben. Allerdings mussten wir feststellen, dass es für Ausländer nicht einfach ist, in einem japanischen Unternehmen Fuss zu fassen. Viele Firmen bevorzugen lokale Talente und zeigen wenig Interesse an internationalen Arbeitskräften. Auf der anderen Seite gibt es westliche Unternehmen, die in Japan tätig sind und immer auf der Suche nach «reisefreudigem» Personal sind. Die Reise hat aber auch gezeigt, dass ein längerer Aufenthalt in Japan viel Vorbereitung und Anpassungsfähigkeit erfordert. Dennoch war dies sicherlich nicht die letzte Reise in dieses faszinierende Land.
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